Was macht ein Prophet?

Edgar Cayce wird ja gerne als „Der schlafende Prophet“ gehandelt. Den Titel hat er dem Journalisten Jess Stearn zu verdanken, dessen gleichnamiges Buch, das mehr als zwanzig Jahre nach Edgars Tod erschien, auch in Deutschland eine gute Einsteigerlektüre ist. Edgar wurde zu seiner Zeit eher als „(Hell)seher“ (clairvoyant) bezeichnet. Was macht ein Seher? Laut Henry Reed, dem Autor des leider vergriffenen Buches „Über das Höhere Selbst“, fängt ein Seher Informationen auf, die nicht im Geist von jemandem, sondern schlicht und einfach „dort draußen“ sind. Demzufolge ist Hellsehen Wissen aus Entfernung, ohne die direkte oder indirekte Einbeziehung eines zweiten, vermittelnden Geistes. Die Erklärung, die Edgar in Reading 254-2 unter Punkt 2 gibt, scheint dies zu untermauern (siehe Die Gabe und das Werk).

Dennoch machte Edgar auch einige wenige Prophezeiungen, von denen sich einige als richtig herausgestellt haben und andere als scheinbar falsch. Erstaunlich ist, dass ein großer Teil der Menschen Prophezeiungen für unumstößlich hält, als seien sie in Stein gemeißelt. Trifft eine solche Prophezeiung dann nicht zu, war es eben ein „falscher Prophet“ oder „Scharlatan“. Aber was ist eigentlich eine Prophezeiung? Und was genau macht ein Prophet?

Propheten gibt es schon seit undenklichen Zeiten. In unserer westlichen Welt sind uns besonders Propheten aus der Bibel bekannt: Jesaja, Jeremia, Micha, und so weiter. Nostradamus ist in aller Munde (nein, Edgar war nicht der amerikanische Nostradamus!), auch Jakob Lorber ist bekannt. Den Mystiker Jakob Böhme bezeichnet man ebenfalls gelegentlich als Prophet.

Das Wort „Prophet“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet in wörtlicher Übersetzung: „an Stelle von jemandem sprechen“. Auf Hebräisch wird ein Prophet mit „Nabi“ bezeichnet, was sowohl „Rufer“ als auch „Gerufener“ bedeuten kann.

Solche Rufer nehmen wahr, was die Menschen in ihrem Umkreis nicht wahrnehmen können oder wollen. Sie zeigen uns, wo ein Verhalten, eine Lebensweise hinführen kann, wenn keine Änderungen erfolgen. Schon in den sechziger und siebziger Jahren gab es zum Beispiel Menschen, die einen schnelleren Klimawandel aufgrund unseres gedankenlosen Umgangs mit unserer Umwelt und unseren Ressourcen prophezeiten. Diese Prophezeiung konnten sie treffen, weil sie die geografische und klimatische Beschaffenheit der Erde kannten, von Menschen verursachte Gegebenheiten damit in Verbindung setzten und das Ganze analysierten. Damals wurden sie ausgelacht, als Schwarzseher beschimpft. Hätten wir ihre Warnungen ernstgenommen, wer weiß, wie unsere Welt heute aussehen würde?

Ein besonders schönes Beispiel für eine Prophezeiung, die sich nicht erfüllte, ist die biblische Geschichte von Jona, der von Gott nach Ninive geschickt wurde, um dort den Untergang der Stadt zu prophezeien. Die Menschen hörten auf ihn und konnten den Untergang abwenden (siehe Buch Jona, Kapitel 3).

Auch Edgar konnte in seinen Readings nur Tendenzen erkennen. Wurde er zu Ereignissen befragt, die innerhalb weniger Wochen stattfinden sollten, waren seine Aussagen nachweislich korrekt. Auch seine Aussagen zu Börsenkursen, Pferderennen und wirtschaftlichen Entwicklungen erwiesen sich fast immer als zutreffend und brachten so manchem Fragesteller viel Geld ein.

Je weiter das Ereignis jedoch in der Zukunft lag, desto unpräziser wurden seine Angaben, obwohl er mitunter sogar Daten nannte. Auch die Prophezeiungen, die gemacht wurden, wenn ein Geistwesen durch ihn sprach (was vor allem Anfang der dreißiger Jahre vorkam) trafen nicht im wörtlichen Sinne ein. Viele Prophezeiungen aus den Readings sind scheinbar bis heute nicht eingetroffen, obwohl doch feste Daten für die Ereignisse angegeben waren (das Datum 2012 war jedoch nicht darunter).

Was also „sah“ Edgar?

In dem Buch „Gespräche mit Gott, Band 3, Kosmische Weisheit“ von Neale Donald Walsch habe ich eine faszinierende Erklärung gefunden, die mir so logisch erscheint, dass ich sie hier mit eigenen Worten wiedergeben möchte. In Kapitel 6 des Buches fragt Walsch, wie „übersinnliche“ Kräfte funktionieren. Er erhält unter anderem die Antwort, dass wir alle übersinnliche Kräfte haben, dass wir sie aber entwickeln müssen, wenn wir sie nutzen wollen. Außerdem wird gesagt, dass es drei Regeln für solche Kräfte gibt: 1. Jeder Gedanke ist Energie; 2. Alle Dinge sind in Bewegung; 3. Alle Zeit ist jetzt.

Nicht nur die ersten beiden Punkte, sondern auch der dritte Punkt wird in den Readings bestätigt. In Reading 294-45, Absatz 7, heißt es: „Alle Zeit ist eine Zeit – siehst du? Das ist eine Tatsache – siehst du? Aller Raum ist ein Raum – siehst du? Eine weitere Tatsache. Alle Zahlen sind eine Zahl – siehst du?“

Wer sich mit der Quantenphysik beschäftigt, der weiß, dass Zeit letztlich eine von Menschen erdachte Krücke zur Orientierung ist. Es gibt keine Linie Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft. Es gibt nur das Jetzt. Wenn das schon schwer zu akzeptieren ist, dann dies erst recht: dass alles bereits geschehen ist – dass alles als Ereignis schon stattgefunden hat.

Wie kann das sein? In dem Buch vergleicht „Gott“ dieses Phänomen mit einer CD-ROM für Videospiele. Er erklärt, dass jedes mögliche Endergebnis und alles, was zu diesem Endergebnis führt, auf der CD bereits abgespeichert ist. Alle Möglichkeiten existieren bereits, haben sich bereits ereignet. Wer also in die Zukunft schaut, der schaut nur in eine ganz bestimmte Zukunft. Er tut dies anhand der Tendenzen, die er in seiner Zeit, von seinem Standpunkt aus wahrnimmt. In Wirklichkeit gibt es aber unzählige Zukünfte, und es liegt allein an den Menschen, welche davon sie wählen. Das gilt sowohl für den Einzelnen als auch für die Gruppe, das so genannte „Gruppenbewusstsein“. Wir Menschen – alle Menschen – sind Schöpfer, Erbauer, die ihr Leben und das auf der ganzen Welt jeden Tag, mit jedem Atemzug, mit jedem Gedanken, neu erschaffen. Wir alle zusammen – nicht Gott und auch nicht ein Prophet – bestimmen das Endergebnis, im Kleinen wie im Großen.

Nächsten Dienstag stelle ich das Reading ein, in dem Edgar sagte: „Es gab niemals eine Zeit, in der es keinen Christus und kein Weihnachten gab.“ Wär das was?

Advertisements

Autor: Cayceportal

Hallo, ich heiße Stefanie Piel und bin Diplom-Übersetzerin für Englisch und Französisch. Ich habe mich dem Werk Edgar Cayces verschrieben. Energiearbeit, Quantenphysik, Epigenetik und die Tatsache, dass wir mit allen und allem verbunden sind, begeistern mich immer wieder. Noch nie zuvor war ich so nahe an meinem wahren Ich dran wie jetzt. Ich möchte Edgar Cayce aus der esoterischen Ecke herausholen und sein Werk, basierend auf den neuesten Erkenntnissen, näher beleuchten.

7 Kommentare zu „Was macht ein Prophet?“

  1. „Der schlafende Prophet“ war mein erster Kontakt mit Übersinnlichem, Ausgabe 1978.
    Darin stand z.B. etwas über den Fall der Mauer und mit noch so viel Fantasie konnte man sich nichts darauf reimen. Ebenso der Ausspruch „Aus Russland kommt die Hoffnung der Welt“ womit die Beendigung des Kalten Krieges ebenso gemeint war wie der Fall der Berliner Mauer.
    Einige Prophezeiungen können nicht eintreten, weil dafür die Basis fehlt. Ich bin Astrologin und bei bestimmten progressiven Aspekten kann man eine feste Partnerschaft deuten. Was nützt es, wenn sich die betreffende Person gerade innerhalb dieses Zeitfensters in der Wohnung verkriecht oder ins Kloster geht.
    Liebe Grüsse
    Ursula

    1. Danke für Deinen Kommentar, Ursula! Naja, es geht bei Prophezeiungen halt immer um Ansätze, um das, was möglich wäre. Die Deutung bzgl. Russland ist eben nur Deutung. Da Cayce nichts Genaueres gesagt hat, können wir auch da nur raten, wobei das eine mehr und das andere weniger plausibel scheint. Generell finde ich die Kernbotschaft am wichtigsten: Dass WIR es in der Hand haben, was aus uns und unserer Welt wird und dass wir auf unsere spirituellen Ressourcen zurückgreifen müssen, wenn wir etwas zum Positiven hin ändern wollen.
      Auch Dir liebe Grüße, ich wünsche Dir ein zufriedenes neues Jahr! 🙂
      Stefanie

      1. Edgar Cayce hat viele Überschriften vorhergesehen, die dann später in Zeitungen standen. Nach Zeitangaben gefragt, wurde es ungenau. Er sagte z.B. „deine Enkelkinder erleben es noch“ oder „eher zum Ende dieses Jahrhunderts“ – alles von der damaligen Entwicklung aus gesehen. So ähnlich funktionieren astrologische Prognosen auch. Wenn der Mensch so handelt wie bisher, kann man auf die Erfahrungen zurückgreifen, die bisher in gleichen Situationen eingetreten sind. D.h. aber nicht, dass die Zukunft feststeht, weil wir anders reagieren können als unsere Vorfahren. Das bedingt auch das Wassermannzeitalter: ungebunden zu sein an Tradition und Religion. Die schamanischen Lehren ermöglichen Reisen in die Zukunft, um dort zu wirken ebenso Reisen in die Vergangenheit, um dort etwas zu verbessern. Im Schamanismus ist alles Jetzt – es gibt keine lineare Zeit.
        Wir haben viele Helfer der Menschheit, die auf die Bewusstwerdung zum Jetzt hindeuten. Viele von uns leben nämlich in der Vergangenheit oder sorgen sich um das Morgen und verpassen damit die Gelegenheit, im Augenblick zu wirken und das zu geniessen.

        Liebe Grüsse
        Ursula

  2. Toll geschrieben! Danke dir!
    Ich lerne Edgar erst jetzt so nach und nach kennen, weil mir eine Freundin Bücher geliehen hat.
    Ich freue mich schon auf das Reading, das du nächsten Dienstag einstellst.
    Viele Grüße,
    Kerstin

    1. Dank Dir auch, Kerstin, für Dein Kompliment 🙂
      Schön, dass Du Edgar nach und nach kennen lernst, da gibt es nämlich unglaublich viel zu entdecken. Zum Beispiel ist das Reading für nächste Woche unglaublich interessant …
      Wenn Du Fragen hast oder etwas zu einem bestimmten Thema wissen willst, sag mir einfach Bescheid.
      Liebe Grüße von Stefanie

Wie denkst Du darüber?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s