Edgar Cayce über das Einssein

Vor einigen Wochen wurde ich gefragt, wo denn der Unterschied zwischen Religion und Spiritualität sei. Darauf wusste ich keine richtige Antwort, da der Begriff „Spiritualität“ meiner Auffassung nach ausgesprochen schwammig ist. Ich weiß nur, dass für mich Religiosität und Spiritualität nicht notwendigerweise gleichbedeutend sind. Durch „Zufall“ entdeckte ich gerade zu der Zeit im Blog der amerikanischen Cayce-Gesellschaft A.R.E. einen Artikel von Kevin Todeschi zum Thema „Oneness“ in den Cayce-Readings, der mich sehr angesprochen und in meiner Überzeugung bestätigt hat, dass Religion ein großartiger Weg zu Gott sein kann, aber niemals zum Selbstzweck werden darf.

Edgar Cayce über das Einssein
von Kevin J. Todeschi

Vielleicht eine der größten Herausforderungen, denen wir als Menschenfamilie gegenüber stehen, ist es, ein Gleichgewicht zwischen unseren unterschiedlichen religiösen Ideologien und der Verbundenheit, die wir als Kinder des EINEN Gottes teilen, herzustellen. Diese Herausforderung ist nicht nur im Hinblick auf verschiedene Glaubensrichtungen offensichtlich, sondern zeigt sich auch innerhalb einzelner Glaubensgemeinschaften. Die im Edgar-Cayce-Material enthaltenen Angaben zum „Einssein“ vermitteln uns eine Auffassung von Spiritualität, welche die Menschheit zusammenbringen kann, statt sie aufgrund unserer Unterschiede voneinander zu trennen. […]

Als Edgar einmal gefragt wurde, wie man mit Menschen umgehen solle, die sich für eine Religion interessierten, die nicht die eigene war, antwortete er:

„Wo ist der Unterschied? Wie Er [Jesus] gesagt hat, wird man stets feststellen, dass die Wahrheit – ob nun in diesem oder jenem Schismus, Ismus oder Kult – der Einen Quelle entstammt. Gibt es nicht auch Bäume, die Eiche, Esche oder Kiefer heißen? Diese [die Menschen] müssen die eine oder andere Erfahrung machen … Suche nicht die Fehler bei IRGENDEINEM, sondern zeige, was für eine gute Kiefer, Esche, Eiche oder was für ein guter WEINSTOCK du selber bist!“ (Reading 254-87)

Damit weist Edgar darauf hin, dass die verschiedenen Religionen (und die unterschiedlichen Meinungen innerhalb der Religionen) nicht existieren, weil Gott es so gewollt hat, sondern weil so viele unterschiedliche Persönlichkeiten versuchen, ihre individuelle Beziehung zu Gott zu verstehen. Aus Edgars Sicht ist Religion die Form, in der einzelne Menschen versuchen, die Manifestation dieses Geistes zu verstehen. Gott kann durch jede Seele wirken – und tut es auch!

„Denk an ein Getreidefeld. Im Getreidekorn ist Leben. Der Mensch pflanzt es in die Erde, pflegt es und erntet es dann. Nicht jeder Mensch wählt die gleiche Getreideart. Nicht jeder Mensch pflügt auf die gleiche Weise. Nicht jeder Mensch sät auf die gleiche Weise. Nicht jeder Mensch erntet auf die gleiche Weise. Und doch bringt es [das Korn] das Beste hervor, das es gibt. Es ist der Gott beziehungsweise das Leben in jedem Korn, das der Mensch sucht. Es erhält seinen Körper und bildet genug Samen, um mehr davon zu säen. Das ist Religion. Das sind die Konfessionen.“ (Reading 991-1)

Bei einer anderen Gelegenheit, als es wieder um religiöse Unterschiede ging, erklärte Edgar, dass es, ungeachtet der Religion, wichtig sei, sich vor Augen zu halten, dass es nur einen Gott gibt – und dass jeder Mensch im Wesentlichen nach bestem Vermögen versucht, diesen einen Gott zu verstehen. In der Sprache der Readings: „Denn ob sie griechisch, parthisch, jüdisch oder heidnisch sind, ob sie Mohammed, Konfuzius oder sogar Shinto oder On oder Mu anhängen – der Herr, der Gott, ist EINER!“ (Reading 1494-1)

Ganz gleich, bei welchem Namen wir Gott anrufen oder wie wir die Religion nennen, zu der wir uns hingezogen fühlen: Es gibt nur einen Schöpfer, eine Quelle, ein Gesetz. Tatsächlich ist dieses Konzept des „Einsseins“ wahrscheinlich mehr als alles andere die den Edgar-Cayce-Readings zugrunde liegende Philosophie: „Die erste Lektion für sechs Monate sollte sein: Eins-Eins-Eins-Eins; Einssein von Gott, Einssein der menschlichen Beziehungen, Einssein der Kraft, Einssein der Zeit, Einssein der Ziele, Einssein in jedem Bemühen – Einssein – Einssein!“ (Reading 900-429)

Diese Vorstellung von Einssein in einer Welt voller Vielfalt scheint auf den ersten Blick ein schwer zu verstehendes Konzept zu sein. Schließlich sind wir umgeben von einer Vielzahl an Pflanzen, Bäumen, Tieren, Erfahrungen und Menschen. Dieses Konzept versucht aber nicht, alle Dinge gleich zu machen, sondern lässt darauf schließen, dass wir die Gelegenheit haben, die reiche Vielfalt als ein Beispiel für die vielen Möglichkeiten zu betrachten, mit denen der Eine Geist in unserem Leben Ausdruck sucht. Da es nur einen Gott gibt – die Quelle von allem, was existiert – muss letzten Endes das Universum aus nur einer Kraft bestehen.

Einssein als Kraft besagt, dass alle Dinge und Wesen zueinander in Wechselbeziehung stehen. Jeder von uns ist mit allen anderen, mit der Erde, dem Universum und mit Gott verbunden. Diese eine Kraft ist eine Kraft des Guten, die versucht, die Spiritualität des Schöpfers auf die Erde zu bringen. Aufgrund unseres eingeschränkten Gewahrseins von der Macht des freien Willens sind wir Menschen jedoch in der Lage, diese Kraft in selbstsüchtige Absichten und Wünsche zu lenken und schaffen auf diese Weise „Böses“.

Was Religionen angeht, so verwechseln wir häufig die Form mit dem Geist (Spirit). Da hat jemand zum Beispiel während des Besuchs einer Kirche oder eines Gottesdienstes irgendeiner religiösen Gruppierung eine besonders bewegende Erfahrung. Das mag ein überwältigendes spirituelles Erlebnis, eine sehr bewegende Erfahrung (vielleicht sogar eine „Kundalini“-Erfahrung), ein Gewahrwerden der Gegenwart Gottes oder sogar das Sprechen in fremden Sprachen sein. Viele Menschen sehen diese Erfahrung jedoch nicht im Kontext der Form, sondern nehmen an, dass auch alles andere, was mit dieser religiösen Form verbunden ist, den gleichen hohen Stellenwert hat. Sie vergessen, dass in der gesamten Menschheitsgeschichte in jeder Religion ähnlich transformierende Erfahrungen gemacht wurden.

Die gute Nachricht: In den Readings wird angedeutet, dass die gesamte Schöpfung schließlich dieses Einsseins und des Gesetzes der Liebe, das damit einhergeht, gewahr wird, trotz allem gegenteiligen Anschein in der heutigen Welt. Eine unserer großen Herausforderungen als Individuen besteht darin, dass die Welt zu einem schöneren Ort wird, weil wir darin gelebt haben. Die vielleicht beste Auffassung von diesem Bewusstsein finden wir in der Bibel, in der uns gesagt wird, wir sollten Gott mit ganzem Herzen, ganzem Verstand, ganzer Seele und unseren Nachbarn wie uns selbst lieben.

Warum haben wir nun so viele verschiedene Religionsgemeinschaften, wenn doch das Prinzip des Einsseins eine grundlegende Kraft im Universum ist? Zum Teil liegt die Antwort in unserer eigenen Vielfalt und in der Tatsache, dass wir alle zu dem hingezogen werden, was wir zu gegebener Zeit für unser persönliches Wachstum und unsere Entwicklung benötigen. Darüber hinaus besitzen wir den sehr menschlichen Zug, unsere Wahrheit „festnageln“ zu wollen. Doch Wahrheit will wachsen, und in den Readings wird bekräftigt, dass niemand alle Antworten auf die fantastische Frage hat, wer wir als Gottes spirituelle Kinder tatsächlich sind. Doch sogar inmitten unserer Unterschiedlichkeit ist uns ein gemeinsames spirituelles Erbe zu eigen. Wir alle sind Kinder des einen Gottes. Wir alle sind Teil der einen spirituellen Quelle, unseres Schöpfers, unserer Mutter/unseres Vaters, unseres Gottes.

Blume des Lebens

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Autor: Cayceportal

Hallo, ich heiße Stefanie Piel und bin Diplom-Übersetzerin für Englisch und Französisch. Ich habe mich dem Werk Edgar Cayces verschrieben. Energiearbeit, Quantenphysik, Epigenetik und die Tatsache, dass wir mit allen und allem verbunden sind, begeistern mich immer wieder. Noch nie zuvor war ich so nahe an meinem wahren Ich dran wie jetzt. Ich möchte Edgar Cayce aus der esoterischen Ecke herausholen und sein Werk, basierend auf den neuesten Erkenntnissen, näher beleuchten.

4 Kommentare zu „Edgar Cayce über das Einssein“

  1. Schöne Gedanken!
    Für mich ist das Wort Religion mit einzelnen Institutionen verknüpft. Mein Glaube beschränkt sich nicht mehr auf Räumlichkeiten, wie Kirchen, Synagogen usw.
    Mein Glaube umfasst ALLES und ist in jeder Sekunde lebbar und erlebbar. GOTT, wie ich „es“ verstehe, ist überall und immer da und an diese Kraft der Liebe, Weisheit, des Friedens kann ich mich immer „andocken“.
    Allerdings bringen mich viele Alltäglichkeiten davon ab und ich lasse mich im Alltagskram viel zu sehr von mir selbst leiten.
    Die Gewissheit, dass ALLES da ist, gibt mir Mut und ich übe und lerne mich immer mehr und immer öfter in Verbindung mit „der Kraft“ zu bringen.
    Liebe Grüße
    Kerstin

    1. Danke, Kerstin! Du hast recht, der Glaube sollte sich nicht auf Räumlichkeiten beschränken. Aber weißt Du, die Räumlichkeiten sind ja nur Versammlungsorte, so wie z.B. bei den Germanen und Kelten die Eichenhaine, wo sich Gleichgesinnte treffen. Sie sollen nur helfen, den Glauben erfahrbar zu machen, eben zu dem Zweck, die Alltäglichkeiten, von denen Du sprichst und die uns abbringen, hinter uns zu lassen und uns im Alltagskram eben nicht von uns selbst leiten zu lassen. Sozusagen mal „aussteigen“. Für viele ist es hilfreich und für viele andere wiederum nicht. Jeder sollte da seinen ganz individuellen Weg finden und ihm dann folgen.
      Ich finde es schön, was Du schreibst: „…an diese Kraft der Liebe, Weisheit, des Friedens kann ich mich immer andocken“. Das ist ein großer Schatz und wenn wir das erkannt haben, dann gelingt es uns wirklich immer öfter und immer länger, uns „in Verbindung mit der Kraft“ zu bringen, tatsächlich mit ihr eins zu werden. Das ist ein richtig großer Schritt!
      Liebe Grüße von
      Stefanie

  2. Wieder ein sehr schöner Artikel, danke. Die letzten paar hab ich irgendwie verpasst. Das hol ich aber nach.

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