Persönlichkeit und Individualität

Von Mark Thurston

Gegen Ende von Edgars Leben wird seine spirituelle Psychologie in ihrer ganzen Reife deutlich. Viele der in dieser Zeit gegebenen Readings waren recht kurz, unter anderem wegen der hohen Arbeitsbelastung, die er auf sich genommen hatte. Aber nicht selten ist Kürze ein Zeichen für Weisheit, und einige dieser kürzeren Readings gehören zu seinen wichtigsten.

In Reading 3590-2 vom 26. Januar 1944 finden wir seinen vielleicht vielsagendsten Vortrag über Persönlichkeit und Individualität. Diese Begriffe sind der Schlüssel zur spirituellen Psychologie, der sich quer durch alle Readings zieht. […]

Persönlichkeit ist das Selbst, das wir der Außenwelt zeigen. Sie ähnelt dem, was Carl Jung als Persona bezeichnet, die Maske, die jeder von uns trägt und hinter der wir uns verstecken, wenn wir im Alltag mit Menschen und Situationen zu tun haben. Sie ist die uns vertraute Selbstidentität. Auf eine gewisse Weise ist sie das Selbst, das wir im Spiegel oder auf einem Video von uns sehen. Aber die Persönlichkeit besteht auch aus Teilen unseres Innenlebens. Sie ist zum Beispiel in der vertrauten, alltäglichen Weise zu erkennen, in der wir leise zu uns selbst sprechen, in jenen leisen Stimmen, mit denen wir uns selbst durchschauen oder kritisieren. Sie basiert auf üblichen Mustern, die wir auf unserem Weg gelernt haben.

Die Persönlichkeit ist eher mit dem Selbst und ihrem eigenen Gefühl der Bedeutung beschäftigt. Sie bezieht sich auf den Wunsch, dass unsere Mitmenschen „die persönliche Überlegenheit erkennen“ mögen. So betrachten wir die Persönlichkeit vielleicht aus einem bestimmten Vorsatz heraus, uns selbst in den Mittelpunkt der Dinge zu stellen, was wiederum zu Gewohnheiten im Denken, Fühlen und Handeln führt, die beginnen, ein Eigenleben anzunehmen.

Die Persönlichkeit kann bewusst oder unbewusst handeln. Meist handelt sie leider unbewusst. Wir neigen dazu, automatisch zu handeln und zeigen starke Gewohnheitsmuster, die uns antreiben. Die Persönlichkeit ist das eingefleischte Element unseres Wesens und kann ein großes Hindernis für unser Wachstum sein, besonders wenn sie versucht, die Individualität zu verdrängen.

Die Individualität ist unser wahres Wesen. Sie ist das Selbst, das von einem Leben zum nächsten fortbesteht. Sie ist das höhere Selbst, ein Begriff, den Edgar nur selten verwendete. Stattdessen nannte er den Begriff Individualität. Vielleicht scheute er sich, ‚höheres Selbst‘ zu sagen, da er nicht wollte, dass wir dieses tiefe, wahre Selbst als schon vollkommen ansehen; denn die Individualität muss noch immer wachsen und sich weiterentwickeln. Was sie so besonders macht, ist ihr das Vermögen ihres Wachstums, ihr dahingehender starker Antrieb. Die Persönlichkeit wiederum ist recht zufrieden mit dem Status quo, selbst wenn er einen gewissen Grad an Unbequemlichkeit oder sogar Schmerz umfasst.

Individualität ist die in der Meditation erweckte Identität. Eine von Edgars schönsten Definitionen dieser wichtigen spirituellen Disziplin lautet, dass sie eine Aktivität ist, die nicht an der Persönlichkeit, sondern stattdessen an der Individualität teilhat. Sie erinnern sich vielleicht an Zeiten, in denen Sie meditierten und spürten, dass eine Verschiebung stattfand: Plötzlich wurden die üblichen Denk- und Gefühlsmuster ruhig und Sie erinnerten sich deutlich an eine andere Seite Ihres Selbst, an diesen neu erwachten Teil, der das universelle Bewusstsein berührt. Durch die Verbindung mit Ihrer Individualität fühlten Sie sich vermutlich sicher und geborgen, und das machte es einfach, am Ende Ihrer Meditation Gebete für andere zu sprechen.

Was unterscheidet Persönlichkeit und Individualität auf grundlegendster Ebene? Auf welche Weise ist Persönlichkeit etwas anderes als Individualität (der aufrichtigere Weg, uns selbst zu erkennen)? Der wesentliche Unterschied sind der Blickwinkel und die Weltanschauung. […] Unser Persönlichkeits-Selbst denkt, sagt und tut Dinge mit einem ganz besonderen Motiv: dem unserer eigenen Bedürfnisse. Auf der anderen Seite kann unser Individualitäts-Selbst die gleiche Situation mit einer anderen Motivation betrachten: einem Interesse für das höhere Gute und der Fähigkeit, die Bedürfnisse anderer zu erfüllen. Im Wesentlichen ist dies die goldene Regel, auf die sich Edgar in dem Reading indirekt bezieht.

Zugegeben, Persönlichkeit hört sich ziemlich schlecht und Individualität ziemlich gut an. In anderen Readings zu diesem Thema erinnert Edgar uns jedoch daran, dass die Persönlichkeit für unser Leben in der materiellen Welt nötig ist. Bis zu einem gewissen Grad müssen wir uns sogar um uns selbst kümmern und bestimmte Gewohnheiten und Routinen entwickeln. (Können Sie sich vorstellen, ein Auto zu fahren und immer auf jede Kleinigkeit, die Sie tun, achten zu müssen? Hier ist die Persönlichkeit in der Tat sehr hilfreich.) Das Problem tritt auf, wenn wir den Kontakt mit der Individualität verlieren und glauben, dass wir nur aus Persönlichkeit bestehen.

Leicht abgeändert übernommen aus dem von mir übersetzten Buch „Die Lehre des Edgar Cayce“ von Mark Thurston (vergriffen), Seiten 106-109.

Blume

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Autor: Cayceportal

Hallo, ich heiße Stefanie Piel und bin Diplom-Übersetzerin für Englisch und Französisch. Ich habe mich dem Werk Edgar Cayces verschrieben. Energiearbeit, Quantenphysik, Epigenetik und die Tatsache, dass wir mit allen und allem verbunden sind, begeistern mich immer wieder. Noch nie zuvor war ich so nahe an meinem wahren Ich dran wie jetzt. Ich möchte Edgar Cayce aus der esoterischen Ecke herausholen und sein Werk, basierend auf den neuesten Erkenntnissen, näher beleuchten.